Kurzbiografie:

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren. Er verlor früh die Eltern und stand dann seiner Stiefschwester Ulrike sehr nahe. Nach Familientradition trat er 1792 ins 1. Garderegiment ein. Unbefriedigt vom Garnisondienst beginnt er 1799 an der Universität seiner Vaterstadt mit grossem Eifer aber etwas planlos zu studieren. Er verlobte sich mit Wilhelmine von Zenge. 1800 ging er nach Berlin und machte dann einige eher ziellose Reisen. 1801 fuhr er mit Ulrike nach Paris, wo er nicht nur gegenüber den Franzosen sehr voreingenommen war, sondern auch den Wissenschaften. Danach floh er in die Schweiz um dort „ein Bauernleben zu führen“. Seine Frau Wilhelmine litt sehr unter der unverständlichen Natur von Kleist. Er löste das Verhältnis mit Wilhelmine auf. Fast traumatisch treibt es Heinrich von Kleist in den folgenden Jahren durch wildeste Gemütsregungen umher. Sein Vermögen verschwindet schnell. 1805 war er Diätar in Königsberg. Als ihm Königin Luise eine Pension auswarf, wanderte er zu Fuss nach Berlin, wo er von den Franzosen als preussischer Spion verhaftet wurde. Er verbrachte mehrere Monate in Gefangenschaft in Frankreich. Nach seiner Befreiung gab er in Dresden mit Adam Müller die kurzlebige Zeitschrift „Phöbus“ heraus. 1810 erschien er wieder in Berlin. Der Tod der Königin raubte ihm die Pension. Eine Anstellung und Position für sich zu schaffen misslang. Viele Herzenswirren begleiteten seinen armseligen Zustand. Selbst seine Stiefschwester Ulrike machte ihm grosse Vorwürfe. Nachdem seine hysterische Freundin Henriette Vogel ihn aufforderte, sie zu erschiessen, hielt er nichts dagegen und erschoss am 21. November am Ufer des Wannsees bei Potsdam erst Henriette und dann sich selber. Auf dem Gedenkstein steht geschrieben: „Er lebte, sang und litt in trüber, schwerer Zeit, er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit“.

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Kleist; Aus dem Corpus imaginum der Photographischen Gesellschaft in Berlin.

Thema:

Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung oder wer lügt am Besten? Kleists Zerbrochener Krug ist ein analytisches Drama. Es gibt hier nicht viel Handlung, viel mehr wird die Sprache und das Sprechen zum eigentlichen Handeln. Zum Beispiel ist es die Sprache Adams, die uns lange vor der Gerichtsverhandlung zum Schluss des Stücks klar macht, dass der Richter Adam selber der eigentliche Täter war. Das macht das Stück gleichzeitig komisch und ernsthaft. Durch die Sprache suchen Marthe, Walter, und Licht die Wahrheit zu enthüllen, Adam aber versucht die Wahrheit durch die Sprache zu verstellen.

Aufgabenvorschläge:

1. Sprachliche Analyse von Adams Lügengeschichten

Schüler und Schülerinnen können selbstständig Textstellen aufsuchen und die sprachlichen und rhetorischen Mittel analysieren, mit denen Adam seine Umgebung manipuliert.

Dazu ein Szenenausschnitt:

Licht:

Ei, was zum Henker, sagt Gevatter Adam!

Was ist mit Euch geschehn? Wie seht ihr aus?

Adam:

Ja, seht. Zum Straucheln brauchts doch nichts, als Füße.

Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier?

Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt

Den ledigen Stein zum Anstoß in sich selbst.

Licht:

Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg jeglicher – ?

Adam:

Ja, in sich selbst!

Licht:

Verflucht das!

Adam:

Was beliebt?

Licht:

Ihr stammt von einem lockern Ältervater,

Der so beim Anbeginn der Dinge fiel,

Und wegen seines Falls berühmt geworden;

Ihr seid doch nicht – ?

Adam:

Nun?

Licht:

Gleichfalls – ?

Adam:

Ob ich? Ich glaube!

Hier bin ich hingefallen, sag ich Euch.

Finden sich weitere solche Textstellen?

Wie man schon in diesem kurzen Ausschnitt bemerken kann, ist Kleist ein Meister der Gedankenstriche. Was versteckt sich hinter diesen Gedankenstrichen?

Könnte man solche Gedankenstriche auch auf der Bühne spielen oder sind sie nur im Text als Zeichen bemerkbar?

2. Reportagen über den Ausgang des Gerichtsprozesses

Eine Arbeitsgruppe könnte versuchen eine Zeitungsreportage zu den Geschehnissen, besonders zum Ausgang des Gerichtsprozesses, zu erstellen.

Inwieweit lassen sich die Geschehnisse im Stück auch auf heutige Verhältnisse übertragen?

Dazu könnte man Zeitungsberichte und andere Medien nach ihrem Wahrheitsgehalt untersuchen.

3. Wer lügt am Besten?

Jede Schülerin und jeder Schüler soll zwei Fassungen von einem einzigen Ereignis aus ihrem Leben schreiben.

Die eine Fassung ist die Wahrheit und die andere eine Lüge. Die Lügen-Fassung sollte möglichst so geschrieben sein, dass man nicht merkt, dass hier gelogen wird.

Nun können die Texte vorgelesen und analysiert werden.

4. Geht es um den Krug oder um etwas anderes?

Als Heinrich von Kleist im Jahre 1802 in Bern seinen befreundeten Schriftsteller Heinrich Zschokke besucht, sieht er dort einen Kupferstich mit dem Titel „La cruche cassée“ nach einem Gemälde des französischen Meisters Luis Philibert Debucourt. Kleist beschreibt das Bild folgendermassen: „Man bemerkt darauf – zuerst einen Richter, der gravitätisch auf dem Richterstuhl saß: vor ihm stand eine alte Frau, die einen zerbrochenen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihm widerfahren war, zu demonstrieren: Beklagter, ein junger Bauernkerl, den der Richter als überwiesen, andonnerte, verteidigte sich noch, aber schwach: ein Mädchen, das wahrscheinlich in dieser Sache gezeugt hatte, spielte sich, in der Mitte zwischen Mutter und Bräutigam, an der Schürze; wer ein falsches Zeugnis abgelegt hätte, könnte nicht zerknirschter dastehen: und der Gerichtsschreiber sah jetzt den Richter misstrauisch zur Seite an.

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„Le juge ou la cruche cassée“ (1782) von Jean Jacques André le Veau (1729-1785), nach einem Gemälde von Louis-Philibert Debucourt (1781)

Beschreibung des Kruges von der Figur Marthe Rull:

Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr;

Der Krüge schönster ist entzwei geschlagen.

Hier gerade auf dem Loch, wo jetzo nichts,

Sind die gesamten niederländischen Provinzen.

Dem spanischen Philipp übergeben worden.

Hier im Ornat stand Kaiser Karl der fünfte:

Von dem seht ihr nur noch die Beine stehen.

Hier kniete Philipp, und empfing die Krone:

Der liegt im Topf, bis auf den Hinterteil,

Und auch der hat einen Stoß empfangen.

 

Welche weitere Bedeutung hat der „Krug“?

Welche ethischen Konzepte stehen dahinter?

 

5. Die Verdrehung des Rechts spielt im „zerbrochenen Krug“ die tragende Rolle. Heinrich von Kleist hat trotz seiner adligen Herkunft zeitlebens als Offizier unter der Willkür der Bürokratie und der staatlichen Pfründenwirtschaft in Preußen gelitten. Er hat den frappanten Unterschied zwischen Recht und Gesetz immer wieder in seinen Werken aufgenommen. Insofern kann das als „Lustspiel“ bezeichnete Stück als Kritik am damaligen preußischen Gesetzeswesen interpretiert werden. Dazu der Literaturtheoretiker Georg Lukàcs: „Im zerbrochenen Krug haben wir ein grossartiges Gemälde des damaligen Preußen vor uns, das – gleichviel, ob aus politischen oder ästhetischen Gründen – als patriarchalisches Holland vor uns steht. Die holländischen Züge sind aber nur sekundär und artistisch dekorativ. Das Wesentliche ist auch hier, wie in “Michael Kohlhaas„ , die künstlerische Zerstörung der romanischen Idylle von der guten alten Zeit. Die Willkür durch die Obrigkeit ergibt zusammen ein hervorragendes realistisches Bild des damaligen ländlichen Preußen.“

Was meint Lukàcs mit dem Satz, die holländischen Züge sind aber nur sekundär und artistisch dekorativ?

Wie steht es heute im globalisierten Kontext mit dem Recht und dem Gesetz?

Weiterführende Radiosendung und Quelle: Bayern 2 Mediathek: Der zerbrochne Krug

6. Figuren

Adam, Dorfrichter

Walter, Gerichtsrat

Licht, Schreiber

Ruprecht, ein Bauernsohn

Frau Marthe Rull

Eve, Marthes Tochter

Frau Brigitte, Bedienstete

Veit Tümpel, Bauer

Rupert Veits, sein Sohn

Mägde

Ein Bote

Untersucht die Namen der Figuren. Wieso heisst der Licht eigentlich Licht? Untersucht in Gruppen die Figuren aus dem zerbrochenen Krug durch folgende Fragen:

Wer bin ich?

Wo bin ich?

Wie ist es dazu gekommen, dass ich hier bin?

Wohin gehe ich?

 

7. Philosophieren:

Im „Tractatus Logico-Philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein findet sich unter Punkt 2.1. folgende Behauptung: „Wir machen uns Bilder der Tatsachen.“ Man könnte nun im Dialog gemeinsam untersuchen, in welchem Zusammenhang dieser Satz und „der zerbrochene Krug“ stehen. Und auch wie sich dieser Satz in Bezug auf die Wahrheit verhält. Zunächst müsste aber erst einmal geklärt werden, was mit „Bilder der Tatsachen“ gemeint ist?

8. Inszenierung:
Nachdem wir das Stück vom zerbrochenen Krug verstanden haben, können wir uns die Inszenierung im Konzert Theater Bern anschauen. Wie unterscheidet sich nun was ich im Theater gesehen habe, von dem was ich im Unterricht gelesen und erfahren habe? Welche Bezüge zu heute werden auf der Bühne geschaffen und mit welchen Mitteln?
Exklusiv bei uns das Prorgammheft zu Krug:

>Weitere Informationen und Billette

Es folgt: Video-Interview mit der Figur „Licht“. Dazu darf man sagen: Licht wird von einer Frau gespielt. Warum wohl?

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