Nachdem Das Tagebuch der Anne Frank gerade erfolgreich Wiederaufnahme feierte, setzt Konzert Theater Bern mit Eine nicht umerziehbare Frau seine Themenreihe über das Handeln starker Frauen fort. Im Mittelpunkt dieser Inszenierung steht mit Anna Politkowskaja die Journalistin, die sich gegen den Krieg in Tschetschenien kritisch äusserte, darüber öffentlich schrieb und dies zuletzt mit ihrem Leben bezahlte.

„Ich habe eine Geschichte zu erzählen.“ So könnte die Geschichte der Frau beginnen, die sich trotz Drohungen, gewaltigem politischen und körperlichen Widerstand wie Mordanschlägen weder bestechen noch umerziehen liess und sich für Presse- und Meinungsfreiheit einsetzte. Das Stück ist ein Plädoyer auf die Meinungsfreiheit, in der eine Frau kämpft und Zweifel und Hoffnungen ihrer Arbeit hautnah miterlebt werden!


Premiere am 7. Januar 2017, 19:30Uhr
Vidmar 2 (Wegbeschreibung)
Ab 12 Jahren
Deutsch
Schulklassentarife: 10.-/Person (Weitere Infos)
Das Stück kann als Schulaufführung gebucht werden.

Für weitere Informationen und Einführungsworkshops: vermittlung@konzerttheaterbern.ch

 


 

 Die Frau hinter dem Stück

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Politkowskaja wurde als Reporterin speziell im Krisengebiet des zweiten Tschetschenienkriegs eingesetzt. Vor Ort berichtete sie über die Verbrechen, die die russische Armee am tschetschenischen Volk beging. Während sie dafür weltweit für ihren Mut und ihren ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gelobt wurde, ist sie innerhalb Russlands als „Feindin des russischen Volkes“ angesehen worden.

„Der Gruss, den sie auf der Straße austauschen– noch heute –
ist nicht guten Tag, guten Abend oder Gott segne dich,
sondern: Ich wünsche dir Freiheit.
Freiheit: die sie nie gehabt haben.“
(Auszug aus Stefano Massinis „Eine nicht umerziehbare Frau“)

Die Produktion

Mit eine nicht umerziehbare Frau schrieb Stefano Massini ein Monologstück in Gedenken an diese Frau, die mit ihrem Beruf ihr ganzes Leben aufs Spiel setzte. Überzeugend spielt die Schauspielerin Kornelia Lüdorff diese One-Woman-Show, wobei die Regisseurin Jennifer Whigham, die bereits bei Das Tagebuch der Anne Frank Regie führte, nicht einfach die Heldin Politkowskaja, sondern die Arbeit dieser mutigen Journalistin in den Mittelpunkt stellt. Wie ein typischer Tag dieser spannenden Frau genau ausgesehen haben könnte, zeigt der folgende Auszug aus dem Stück:

 

7:00 Uhr morgens.
Wecker.
Erstes Problem: sich waschen.
Der Aquaedukt ist in die Luft geflogen.
Es gibt kein Wasser. Man macht den Hahn auf und … nichts.
Die Flaschen sind teuer.
Und man kriegt sowieso keine, selbst wenn man bezahlt.
Das einzige Wasser in Grozny haben die Militärs: Sie lassen sich – schwarz – für drei Minuten Dusche nach der Uhr bezahlen. 

 

9:00 Uhr.
Frühstück.
Zweites Problem: man hat nichts zu essen.
Man muss aber irgendetwas essen,
weil acht Monate im Jahr eine Eiseskälte herrscht und wenn man nicht isst,
wird man ohnmächtig.
Die Magenkrämpfe sind garantiert fürchterlich.
Ansonsten sind, wenn man etwas zu Essen will, die einzigen, die Nahrung haben in Groszny,
die Militärs.

10:00 Uhr.
Man fängt an, seinen Job zu machen:
Man müsste einen Artikel schreiben.
Drittes Problem: Es gibt keinen Strom.
Oder besser: Er kommt und geht.
Es gibt Attentate auf die Zentralen,
das Netz stottert.
Also schreibt man mit der Hand, auf Blätter und Zettel.
Dann diktiert man ins Telefon:
aus einer Telefonzelle, klar,
weil das Handy keinen Empfang hat. 

(Auszug aus Stefano Massinis „Eine nicht umerziehbare Frau“)

Konzert Theater Bern zeigt das Stück als mobile Produktion mit  geschlossenen Schulvorstellungen in der Vidmar 2 (siehe Spielplan für Daten). Dafür sind nur Gruppenbuchungen möglich. Zusätzlich dazu besteht die Möglichkeit nach Schulvorstellungen im März und April mit Thérèse Obrecht-Hodler ins Gespräch zu kommen. Die genauen Termine werden noch bekannt gegeben. Obrecht-Hodler steht auch für die Schulvorstellung am 24.01.17 zur Verfügung. Bei Interesse bitten wir Sie uns schnellstmöglich zu informieren (max.schaffenberger@konzerttheaterbern.ch). Obrecht-Hodler war Journalistin, ehemalige Russland-Korrespondentin und Präsidentin von Reporter ohne Grenzen. Sie kannte Anna Politkowskaja persönlich und baute zusammen mit Zaynap Gaschajewa in Bern das Tschetschenische Archiv über Kriegsverbrechen auf.
Für weiterführendes Material zur Vorbereitung auf das Stück steht eine Materialmappe zur Verfügung ( siehe Materialien ).
Wer wissen will, wie der typische Tag einer Journalistin weitergeht, darf sich ab dem 7. Januar auf eine spannende Inszenierung freuen!

Jennifer Whigham folgt mit ihrer Inszenierung einer schlichten, klaren Linie – die zwar nicht ohne didaktischen Fingerzeig auskommt, wenn zur Veranschaulichung historischer Daten Plakate dienen. Doch weist ihr geradliniges Regiekonzept eine zwingende Korrespondenz mit der Persönlichkeit Anna Politkowskajas auf, der Journalistin mit deutlichem Berufsethos und einem bezwingenden Charisma. So stellt die Interpretation dieser Figur eine Herausforderung dar, der sich Kornelia Lüdorff überzeugend gestellt hat: mit dem Mut zu Einfachheit und Zurückhaltung.“ (Ausschnitt NZZ)


Quellen:

http://evidencenetwork.ca/archives

https://www.welt.de/politik/ausland/article145278059/Wie-Putin-in-Russland-den-Journalismus-abschafft.html

Novaya Gazeta/Epsilon/Getty Images

Beatrice Eichmann-Leutenegger: NZZ Art. Die Wahrheit und ihr Preis. Theater-Memorandum über Anna Politkowskaja in Bern, Zugriff vom 8.1.2017.

Stefano Massini: Eine nicht umerziehbare Frau. Theater-Memorandum über Anna Politkowskaja.