ein Stück von Rainer Werner Fassbinder
Inszeniert von Claudia Meyer

Wer kennt es nicht. Des Öfteren fragen wir uns, was nicht schön genug an uns ist, was wir ändern können oder was uns glücklich macht. Jeder ist mal unzufrieden mit sich. Doch was, wenn jemand das Fass zum Überlaufen bringt? Dazu noch ein Fremder, gar ein Ausländer, der nicht einmal weiss, wovon man spricht, aber trotzdem einfach dazu gehören will. Da muss ein Ventil her. Und wer würde sich dafür besser eignen als jemand, der doch eigentlich nicht dazu gehört. —> Ein Kt·zel·ma·cher zum Beispiel.

„Ich nix verstehn. Griechenland schön, Deutschland viele kalt.“ – JORGOS


Premiere am 28. Oktober 2016, 19:30h
Vidmar 1

Ab 16 Jahren
Schulklassentarife: 15.–/Person (Weitere Infos)
Für Einführungsworkshops: vermittlung@konzerttheaterbern.ch


 

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Im gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder wird genau mit dieser Thematik gespielt. Wie es ist, orientierungslos und fremd in einer Gruppe zu sein, in einer kranken Wohlstandsgesellschaft zu leben, in der Gewalt eine Lösung ist und die Sprache als Waffe benutzt wird. Ein  spannendes Thema über das anders sein, dem Aneinander-vorbei-leben und der Abhängigkeit trotz alledem dazu gehören zu wollen. Die Regisseurin Claudia Meyer nimmt sich das als Vorlage. Konzert Theater Bern traf sich mit ihr, um über die Aktualität von Rassismus, Fremdenhass und Gruppendynamik zu reden.

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Interview Claudia Meyer

Wieso hast du das Stück Katzelmacher gewählt? Das Haus gibt Stücke vor und fragt daraufhin Regisseure an. Ich finde Katzelmacher sehr spannend, da es ein Ensemblestück ist. Ich habe mich mit dem Thema von Katzelmacher auch schon in anderen Inszenierungen (Othello, Schutzbefohlenen) beschäftigt.

Was ist für dich das Essentielle an diesem Stück? Das Anderssein. Man hat viel zu schnell Vorurteile anderen Menschen gegenüber und ich finde es gibt noch etwas anderes im Leben als die Idealvorstellungen, die wir von anderen haben. Wir sind uns manchmal selbst fremd und merken schliesslich nicht, wie schnell wir andere Menschen zur Projektionsfläche machen.

Ist es dir wichtig, die Geschichte originalgetreu (entsprechend dem Film) nachzuspielen? Nein. Damals hat der Film viele kontroverse Reaktionen ausgelöst und ich finde man muss immer seinen eigenen Weg finden. Wichtig am Stücktext sind jedoch die schemenhaften Charaktere, die in Abhängikeit zueinander stehen. Die Figuren sind statisch und haben keine klassische Entwicklungspsychologie oder eine nachvollziehbare Innenlogik. Sie sind voneinander isoliert und dennoch brauchen sie sich. So bilden sie im Rahmen der oberflächlichen Gesellschaft eine Gruppe. Dieser Mechanismus von sozialen Beziehungen soll gezeigt werden.

Weshalb das Weglassen einiger Figuren? Ursprünglich sind es 10 Personen und wir haben aber nur 9 Schauspieler. Ich finde allerdings, dass man einige Figuren und deren Eigenschaften sehr gut kombinieren kann.

Wenn du eine Rolle spielen könntest, welche wäre es und warum? Ich würde Marie wählen. Sie ist die Einzige aus der Gruppe, die ihrer inneren Sehnsucht Raum gibt. Sie sieht eine Zukunftsperspektive, indem sie mit Jorgos nach Griechenland auswandern will. Marie ist am ehesten bei sich und für mich wie eine aufbrechende Pflanze.

Bei der Konzeptionsprobe hast du gesagt: „Ich finde es erstaunlich, dass Einsamkeit und Fremdenhass zeit-und altersunabhängig sind.“ Wie gehst du persönlich mit dem Thema Ausländer um? Wenn ich in der Schweiz bin, bin ich selber eine Ausländerin, aber ich finde, es sind alle gleich, egal wo man ist. Ich habe kein Verständnis für die Skepsis gegenüber Fremden, die in unser Land kommen.

Jorgos ist ein Ausländer aus Griechenland. Inwiefern spielt das eine Rolle? Jorgos trifft als ein Anderer auf eine Gruppe. Er ist der Auslöser für Gewalt und Aggression, die schon lang in den Figuren rumort. Schliesslich entladen sich an ihm die Emotionen der Gruppe.

Wer sind die Leute, die auf Jorgos treffen? Beschreibe ihr Alter, Leben und Denken? Es sind junge Menschen wie unsere Schauspieler. Eine Gruppe, die voneinander abhängig ist. Sie brauchen sich, denn sie stehen in einer wechselseitigen Abhängigkeit zueinander, auch in ihren Liebesbeziehungen. In der Gruppe herrscht eine Form von offener Ausbeutung untereinander und viel Verachtung gegenüber den jeweils Anderen. Sie sehen keine Zukunftsperspektiven für sich, denken dass sich niemand für sie interessiert und ihre Träume und Sehnsüchte niemals erfüllt werden.

Fassbinder hat einmal gesagt: „Das Private ist politisch!“ Würdest du dem zustimmen? Ja. Denn meine eigene Meinung über etwas oder jemanden, z. B. Ausländern gegenüber, ist auch immer eine politische Aussage.

Warum sollte eine Schulklasse dein Stück schauen? Weil Theater etwas Spannendes ist. Das Stück ist klassisch aber die Sprache sehr modern und näher an den Schülern als bei einem Stück von Schiller. Zudem ist die Thematik sehr zeitnah und könnte mit ihnen selbst zu tun haben.