Unser Blog zu Theaterberufen geht bereits in die fünfte Runde! Diesmal zeigen wir euch, was man braucht, damit aus einem Stück und einer Gruppe  Schauspieler*innen das entsteht, was man schlussendlich am Ende der Probenzeit auf der Bühne zu Gesicht bekommt.
Dafür hat sich Konzert Theater Bern mit Regisseur Ingo Berk getroffen, um mehr über seine Arbeit zu erfahren. Berk ist 42 Jahre alt und hat Theaterwissenschaften, Germanistik und Amerikanistik studiert. Nachdem er als Regieassistent gearbeitet hat, inszenierte er bereits an vielen Theaterhäusern in Deutschland und der Schweiz.  Er erzählt uns von seiner aktuellen Arbeit zu Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame und was es noch so alles ausmacht, Regisseur zu sein!


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Ingo Berk (Foto von Toni Suter)


Wenn ich das Henschel Theater Lexikon aufschlage, das über einflussreiche Autoren, Regisseure oder Schauspieler im deutschsprachigen Raum informiert, dann finde ich dich: Wie kommt man da rein?

Was? Ich bin da drin?! Zeig mal her…

 

Schauspielerinnen oder Sänger lernen ihren Text, wenn sie nicht auf der Probe sind. Musst du auch „üben“?
Oder anders gefragt: Was muss man gut können, um als Regisseur zu arbeiten?

Man muss gut kommunizieren können, das Team mit seinen Ideen anstecken und sie motivieren, sodass sie von ihren Figuren aus weiterdenken. Genaues, wiederholtes Lesen ist ebenfalls eine Bedingung, um in die Tiefe der Geschichte einzudringen. In der Regel steht im Stück bereits genug, um ausgehend davon tiefer zu graben, ohne dass man zusätzlich noch viele Quellen und Bezüge herstellen muss.  Es geht mir um eine Wahrhaftigkeit und Nachvollziehbarkeit der Geschichte, die dort erzählt wird.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus?

Morgens zwischen 10 und 15 Uhr und abends zwischen 19 und 22 Uhr sind Proben. Dazwischen hat man eigentlich frei. Meistens bin ich jedoch so vereinnahmt von den Proben, dem Nachdenken über das, was heute  funktioniert hat und was nicht, dass ich ganz alltägliche Dinge, wie beispielsweise das Einkaufen, vergesse.

 

Liest du die Kritiken zu deinen Stücken?

Ich lasse mir lieber sagen, welche ich lesen kann. Trotzdem finde den Umgang mit Kritiken nicht einfach. Schlechte Kritiken lasse ich oft näher an mich heran, weil es mich natürlich auch beschäftigt. Die guten Kritiken hingegen fallen viel weniger ins Gewicht, dabei sollte ich da gleichberechtigt herangehen.

 

Welche Frage, die dir öfters gestellt wird, beantwortest du gerne?

Wie bereits gesagt, bin ich und die Schauspieler*innen während der intensiven Probezeit sehr konzentriert. Man redet viel über die Figuren, ihre Motivation und Beweggründe. Je tiefer ich mich in die Arbeit eingrabe, umso schwieriger wird es für mich, Aussenstehenden etwas aus der Probe zu erzählen. Deswegen erlebe ich es oft als sehr anstrengend über das Stück und meine Arbeit zu reden, da mir die Distanz dazu fehlt.

Wenn du an das vielgespielte Der Besuch der alten Dame denkst, was hat dich dabei rumgetrieben?

Das Spannende bei dieser Geschichte ist unter anderem, dass wir in eine Welt eintauchen, in diesem Fall in den heruntergewirtschafteten Ort Güllen, der bereits auf ganz vielen Ebenen eine tragische und weitreichende Vorgeschichte hat. Über dem Ort schwebt die bedrohliche Frage, was passiert, wenn kein Geld mehr da ist. An was ist es gescheitert? Warum ist man in Güllen geblieben und wer sind eigentlich die Menschen, die dort leben? Güllen ist dabei wie ein Schnellkochtopf, der unter Druck steht. Stück für Stück erfährt man mehr über die Abgründe der Figuren und bekommt eine immer tiefer reichende Vorstellung ihres Handelns. Das Stück hat eine Absehbarkeit und Unvermeidlichkeit, dass etwas schlimmes geschehen wird!


Dirk Pilz schrieb einmal über Berks Inszenierung an der Berliner Schaubühne: „Berk ist ein Spezialist des leise Bedrohlichen, der mit vorsichtiger Hand die abgeschatteten Seelenregionen seiner Figuren beleuchtet – und damit auf die Herzen seiner Zuschauer zielt.“

In diesem Sinne blicken wir mit Spannung auf die Premiere von Der Besuch der alten Dame am 3. März und fragen uns, ob uns das leise Bedrohliche auch in diesem Stück wieder in seinen Bann ziehen wird. Bevor Dürrenmatts tragische Komödie Premiere feiert, haben wir noch ein paar Eindrücke aus Berks bisherigen Inszenierungen zusammengestellt, die erfolgreich am Konzert Theater Bern zu sehen waren:

 

 

BERN 11.09. 2015 - AMA zu Hiob von Joseph Roth. Premiere: Samstag, 19. September 2015. © Annette Boutellier Regie Ingo Berk Bühne Damian Hitz Kostüme Eva Krämer Komposition/musikalische Leitung/Livemusik Patrik Zeller Dramaturgie Stephanie Gräve Musikerin Mia Schultz Musiker Lukas Hasler Mendel Singer Stéphane Maeder Deborah Singer Milva Stark Rabbi ua. Jürg Wisbach Jonah, Mac Arne Lenk Schemarjah David Berger Mirjam Mariananda Schempp Menuchim Lukas Hupfeld

Joseph Roths Hiob (Foto von Annette Boutellier)

 

Bern 7.3.2016 - AMA zu Nora von Henrik Ibsen. Premiere: Samstag 12. März2016 © Annette Boutellier Regie Ingo Berk Bühne Damian Hitz Musik Patrik Zeller Kostüme Eva Krämer Dramaturgie Kristina Wydra Nora Sophie Melbinger Helmer Arne Lenk Frau Linde Zoe Hutmacher Krogstad Jonathan Loosli Dr. Rank David Berger

Henrik Ibsens Nora (Foto von Annette Boutellier)

 

 

Bern 19.9.2016 - AMA zu -I3.31.93- von Lars Noren Eineiner Schweizer Erstaufführung. Premiere: Samstag, 24. September 2016 © Annette Boutellier Regie Ingo Berk Bühne Damian Hitz Kostüme Eva Krämer Dramaturgie Dr. Sophie-Thérèse Krempl Musik Patrik Zeller A Lukas Hupfeld B Deleila Piasko C Jürg Wisbach D Sophie Melbinger E Deleila Piasko F Kornelia Lüdorff G Kornelia Lüdorff H Jürg Wisbach I David Berger J Sophie Melbinger K Sophie Melbinger L Lukas Hupfeld M Hans-Jörg Frey N David Berger O Hans-Jörg Frey P Heidi Maria Glössner Q Hans-Jörg Frey R Heidi Maria Glössner S Deleila Piasko T Lukas Hupfeld V Heidi Maria Glössner W Jürg Wisbach X David Berger Y Kornelia Lüdorff

Lars Noréns 3.31.93 (Foto von Annette Boutellier) 

 


Quellen:

D. Pilz: Dunkel ist’s im Land der Seelen. Ingo Berk inszeniert mit Vorsicht „Augenblick“ von Marius von Mayenburg.
In: K. Engels/C. B. Sucher (Hrsg.): Triebe Spiele Liebe. Regisseure von morgen. Berlin 2007.

Fotos von Annette Boutellier, Toni Suter und Valérie Chételat